öffentlichkeitswirksamen Demonstrationen sind jedoch nur der sichtbarste Ausdruck einer verbreiteten Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Das sächsische Gemüt ist eben nicht so gemütlich, wie man im Freistaat gern kolportiert. „Schon wieder Sachsen!“, seufzen nicht wenige Sachsen selbst. Politikwissenschaftler Hans Vorländer von der Technischen Universität Dresden sprach einmal von einem beleidigten Grundgestus der Sachsen – dem trotzigen Gefühl, immer zu kurz zu kommen, vom Einigeln.
Man kann dieses Gefühl aus den Traumata der militärischen Niederlagen im 18. und 19. Jahrhunderts sowie aus dem erheblichen Gebiets- und europäischen Bedeutungsverlust nach dem Wiener Kongress 1815 herleiten. Das daraus resultierende Bedürfnis nach Anerkennung ist bis heute ebenso spürbar wie eine latente Aggressivität.
Solche kollektiven Neurosen führen zu den nur scheinbar widersprüchlichen Extremen von besonderem Opportunismus einerseits und Renitenz andererseits. Sachsen war besonders braun und besonders rot im 20. Jahrhundert und ist besonders blau in der Gegenwart. „Mit wem ich marschiere, ist mir egal, Hauptsache, ich werde meinen Frust los“, sagen sich viele einfache Sachsen.
Die Impffrage hat zu einer weiteren Verschärfung des Reizklimas geführt. Wie zuvor schon an rechtsnationalistischen Trends oder am Umgang mit Flüchtlingen ablesbar, zieht sich ein immer tieferer Graben durch das Land. Der Disput über den angemessenen Umgang mit der Pandemie führt zu einer weiteren Polarisierung. Kollegen-, Freundes- und Familienkreise zerfallen in Lager.
Sogar in den Künsten, bei Profi- und Laienensembles oder in der Literatenszene brodeln die Konflikte über eine gegenseitig unterstellte Ausgrenzung und Bevormundung. In Behörden und Institutionen werden sie mühsam unter dem Radar der Öffentlichkeit gehalten, offizielle Bestätigungen gibt es kaum.
Ein kalter Bürgerkrieg ist im Gange. Weniger denn je darf man in toto von „den Sachsen“ sprechen. Vernünftige, die sich noch unter Kontrolle haben, verabschieden sich um des Friedens willen ganz aus dem Diskurs und stecken den Kopf in den Sand. Andere feiern „Bekehrte“ wie den eigentlich ins Wutbürgermilieu abgedrifteten Kabarettisten Uwe Steimle, der sich nun doch impfen ließ. Wer soll diesen Laden noch zusammenhalten?